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Nachrichtenarchiv

Tischtennis-WM 2011: Liegt Rotterdam in China?

Es ist Samstagabend und ich erfahre, dass der deutsche Ausnahme-Tischtennisspieler Timo Boll das Halbfinale bei der Tischtennis-Weltmeisterschaft in Rotterdam erreicht hat.
Boll hatte im Viertelfinale den chinesischen Teamweltmeister Chen Qi mit einer sehr beeindruckenden Vorstellung mit 4:1 Sätzen bezwungen.
Warum also im Halbfinale nicht den Chinesen Zhang Jike schlagen und danach erster deutscher TT-Einzelweltmeister in der Sportgeschichte werden?
Für mich waren dies Gründe genug um am Sonntag spontan die 316 Kilometer von Hoetmar nach Rotterdam zu fahren.
Moderate 30,00 €, Reihe neun und Platz Nummer 30 war die Aussicht auf die persönliche Teilnahme an der jüngsten internationalen TT-Historie.
Als sich die Ahoy-Arena von Rotterdam füllte, stellte ich mir die Frage ob ich nicht zu weit gefahren bin und Rotterdam doch in China liegt. Geschätzte ¾ der Zuschauer waren Chinesen. Dies ist ein tiefer und neuer Eindruck. 2011-05-15_wm_rotterdam

Zwei nette und aufgeschlossene Chinesinnen direkt auf den Sitzplätzen hinter mir, zwei Studenten (ein Deutscher und ein Inder) von der Uni Utrecht neben mir und ein ehemaliger TT-Jugendnationalspielerkollege des jetzigen Bundestrainer Jörg Roßkopf vor mir.
Sechs Zuschauer aus drei Ländern und zwei Kontinenten, wobei der Austragungsort im vierten Land liegt.
Die Chinesinnen spielen natürlich Tischtennis, aber nur „privat". Die beiden Studenten (Nichttischtennisspieler) haben sich kurzfristig entschlossen erstmals Tischtennis live mitzuerleben.
Gute Gespräche habe unsere „bunte Gruppe" verbunden und wir haben alle voneinander gelernt. Sport baut eben Brücken über Nationen und Grenzen hinweg.
Im ersten Halbfinale spielen die Chinesen Wang Hao und Ma Long (4:2 Sätze) ein rassiges Match.
Endlich das zweite Halbfinale Timo Boll gegen Zhang Jike. Die Halle tobt, denn vor allem die chinesischen Fans feuern sich über die gesamte Arena gegenseitig an. So eine Begeisterung, Lautstärke und Zwischenrufe sind in Europa beim Tischtennis leider nicht üblich.
Obwohl Boll den ersten Satz gewinnen kann, wird Zhang Jike immer stärker und spielt unglaubliches Tischtennis. Viele Ballwechsel enden mit der besseren Antwort durch den Asiaten. Der 4:1 Erfolg für Zhang Jike ist die logische Konsequenz.
Meine neuen chinesischen Freundinnen sind nicht mehr zu halten und die Ahoy-Arena ist nun wirklich gefühlt in China.
Timo Boll erreicht die Bronzemedaille und damit die erste WM-Einzelmedaille nach Eberhardt Schöler vor 42 Jahren. Er kann damit sehr zufrieden sein. Ein toller und historischer Erfolg, als einziger Europäer gegen das chinesische Bollwerk bestanden zu haben.
Im Finale bezwingt Zhang Jike seinen Landsmann Wang Hao mit 4:2.
Zhang Jike wird als Debütant bei einer WM Weltmeister, legt sich nach dem Matchball auf die Erde und schließt die Augen. Dann die emotionale Explosion: Er steht auf, reißt sich das Trikot vom Leib und läuft mit nacktem Oberkörper durch die Halle.
Auch dies ist ein Ausdruck der neuen Freiheit im chinesischen Tischtennis. Früher wäre Zhang Jike wegen eines so „undisziplinierten" Verhaltens von den chinesischen Funktionären sicherlich auf Lebenszeit gesperrt worden.
Neben dem besten Tischtennissport den ich je live miterleben durfte, bleiben mir vor allem die persönlichen Begegnungen in Rotterdam und die euphorische und offene chinesische Fanfamilie in sehr guter Erinnerung.
Ich wünsche mir für die TT-Mannschaftsweltmeisterschaft 2012, dass auch Dortmund in diesem Sinne in China liegt!

Bericht und Bild: Peter Huerkamp, 1. Vorsitzender TT-Abteilung SC Hoetmar 1925 e.V.

 

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