Interview mit Sandra Münzl, Lehrreferentin des WTTV:
VDTT: Hallo Sandra, der WTTV ist Vorreiter mit der neuen Tischtennis Campus für die C-Trainerausbildung. Wie kam es dazu, diesen neuen Weg zu beschreiten?
Sandra Münzl: Vorreiter ist hierbei nicht der WTTV, sondern die Kollegen aus Niedersachsen. Der TTVN führte 2008 bereits ein Pilotprojekt in der C-Trainer-Ausbildung durch. Nach Beendigung des Piloten in Niedersachsen stellte Markus Söhngen (Lehrreferent im TTVN) uns dieses Projekt vor. Der WTTV hat darin sofort die Chance erkannt, neue Wege in der Trainerausbildung gehen zu können und sich als zweiter Tischtennis-Verband in Deutschland der neuen Ausbildungsmöglichkeit angeschlossen.
Gefördert vom Innovationsfonds des Deutschen Olympischen Sportbundes startet der DTTB 2009 nun mit dem TTVN und dem WTTV auf einer gemeinsamen Online-Plattform ein Pilotprojekt zum kompetenzorientierten eLearning im Tischtennis. Genutzt werden dabei die innovativen Technologien des Web 2.0, wobei der Nutzer dank geeigneter Werkzeuge nicht nur Konsument, sondern gleichzeitig auch Gestalter der Inhalte ist.
Einen weiteren Vorteil sehe ich in der gemeinsamen Nutzung der Online-Plattform, was eine bisher einzigartige Vernetzungsmöglichkeiten und Transparenz der Inhalte schafft, wodurch sich bisher ungenutzte Synergien entwickeln lassen. Trotzdem bleibt jedem Verband in den einzelnen Online-Phasen noch genügend Spielraum, Ausbildungsinhalte individuell zu gestalten und die „Trainingsphilosophien" der einzelnen Verbände zu vermitteln.
Für mich stellt diese Art der Ausbildung eine neue Art des Qualitätsmanagement dar, wovon jeder Verband nur profitieren kann und wodurch ich die Trainer-Ausbildung des WTTV für unsere Trainer optimieren kann und werde.
VDTT: Ist e-learning fester Bestandteil jeder Ausbildung oder gibt es auch noch „klassische" Ausbildungen?
Sandra Münzl: Es wird weiterhin die „klassische" Ausbildung geben. Das e-Learning wird ein Zusatzangebot darstellen. Durch die verkürzte Präsenzphase ist es natürlich besonders für diejenigen interessant, die aus beruflichen oder aus privaten Gründen keine Möglichkeit haben, zweimal von Montag bis Freitag die Ausbildung in einer Sportschule zu absolvieren. Für diese Zielgruppe schafft der WTTV nun auch eine Möglichkeit zur Trainerausbildung.
VDTT: Welche - vor allem technischen - Voraussetzungen müssen die Kandidaten denn erfüllen, um daran teilnehmen zu können?
Sandra Münzl: Voraussetzung zur Teilnahme ist der Besitz der Assistenztrainer-Lizenz oder einer vergleichbaren Qualifikation der Mitgliedsverbände. Als technische Voraussetzung benötigen die Teilnehmer einen Internetanschluss mit einer DSL 2000 Geschwindigkeit oder größer, den Fire Fox Internetbrowser und den aktuellen Adobe Flash Player.
VDTT: Der WTTV-Website kann man entnehmen, daß man während er virtuellen Phase zweimal fünf Tage ca. 2 Stunden am PC arbeiten muß. Kann man sich die Zeit frei einteilen oder muß man zu bestimmten Zeiten am PC sitzen?
Sandra Münzl: Der Vorteil dieser Art der Trainer-Ausbildung ist ja die Tatsache, dass die Lerngangsteilnehmer ihrem gewohnten Alltag nachgehen können, sie müssen sich jedoch täglich etwas Zeit nehmen, um die anstehenden Aufgaben fristgerecht zu erledigen. Die Teilnehmer bekommen täglich kleine Aufgaben, die sie bearbeiten müssen, wann sie dieses am Tag erledigen, können sie sich frei einteilen.
VDTT: Was genau werden denn die Aufgaben sein, die virtuell bearbeitet werden?
Sandra Münzl: Wir nutzen gemeinsam mit dem TTVN die Lernplattform „edubreak® SportCampus 2.0", dessen Herzstück ein neuartiger kommentierbarer Videoplayer ist, mit dem punktgenaue Kommentare zu Spielsequenzen in Form von Text- und Zeichenbeiträgen gegeben werden - ein Werkzeug, das z.B. für die virtuelle Bewegungsanalyse sehr sinnvoll ist. Hierbei wird ein Video (z.B. von Schlagtechniken) online an einer bestimmten Zeitmarke angehalten und in schriftlicher Form ein Kommentar eingebunden, die Zeitmarke und der Autor wird gespeichert. Nachdem alle Teilnehmer dieses Video bearbeitet haben, können Referenten und Teilnehmer die Kommentare rekommentieren, so dass eine moderne Diskussion über die zu erledigten Aufgaben entsteht.
Weitere Werkzeuge dieser Plattform sind das sogenannte Mapping-Tool. Hierbei wird der Inhalt eines Textes in ein graphisches Begriffsnetz überführt und der Weblog, indem die Lehrgangsteilnehmer in einer Art Online-Tagebuch ihre Lernfortschritte reflektieren können.
Durch die genannten Werkzeuge ergibt sich der lerndidaktische Vorteil, dass sich jeder Teilnehmer aktiv und intensiv mit den Inhalten auseinandersetzt und durch die Möglichkeit der Rekommentierung immer ein individuelles Feedback erhält.
VDTT: Läuft die Kommunikation mit den Referenten über E-Mail, ein Forum oder ganz anders?
Sandra Münzl: Wie in der vorherigen Frage ja schon beschrieben, hat der Referent die Möglichkeit, die Kommentare rezukommentieren, so dass dadurch eine Plattform für eine Diskussion geschaffen wurde.
VDTT: Wie zeitnah antworten die Referenten denn auf meine Fragen?
Sandra Münzl: Sehr zeitnah. Es wird täglich eine „Sprechstunde" geben, in der die Teilnehmer den Referenten bei Fragen erreichen können. Die täglichen Aufgaben werden nach der Abgabefrist vom Referenten rekommentiert, so dass es täglich einen intensiven Austausch zwischen Lerngangsteilnehmer und Referenten gibt.
VDTT: Angekündigt ist die Ausweitung der virtuellen Ausbildung. Wird es bald Ausbildungen ganz ohne Präsenzphasen geben?
Sandra Münzl: Nein. Der Einsatz von e-Learning-Modulen macht natürlich nur Sinn, wenn diese in Kombination mit Präsenzphasen durchgeführt werden. Nur in dieser Kombination können die Effektivität und die Flexibilität der E-Learning-Module mit sozialen Aspekten und den Praxiseinheiten in der Halle verbunden werden. Das Erlernte in der virtuellen Vorbereitungsphase wird in der Präsenzphase aufgegriffen und in den Praxiseinheiten in die Halle übertragen. In der virtuelle Nachbereitungsphase werden dann die Inhalte der Präsenzphase aufgegriffen und vertieft, so dass es eine Vernetzung der einzelnen Phasen gibt, diese bezeichnet man als Blendet Learning.
VDTT: Wird der Tischtennis Campus auch für andere Ausbildungen (Assistenz-Trainer, B-Trainer) oder in der Fortbildung kommen?
Sandra Münzl: Ja. Es ist geplant, in der Zukunft Lehrinhalte mit der Web 2.0-Technologie auch in der B-Trainer-Ausbildung und der B- und C-Trainer-Fortbildung abzubilden.
VDTT: Sandra, vielen Dank für die interessanten Einblicke.
Nach dem Interview mit Sandra Münzl befragten wir auch Markus Soehngen, der im TTVN bereits eine Ausbildung virtuell durchgeführt hat.
Interview mit Markus Soehngen, Lehrreferent des TTVN:
VDTT: Der TTVN war und ist Vorreiter für die virtuelle Trainerausbildung. Wie sind die Erfahrungen aus dem ersten Jahr?
Markus Soehngen: Im ersten Jahr sind wir offen und neugierig, aber auch mit einer guten Portion Skepsis an das Thema herangegangen. Da die Konzeption zum E-Learning von Didaktikexperten aus dem universitären Bereich kam (Universität Augsburg), waren wir uns nicht sicher, ob sich die Ideen problemlos auf unsere Zielgruppe - Teilnehmer aus allen Bildungs- und Altersschichten umsetzen lassen. Während des Lehrgangs waren wir dann von den Beiträgen und Arbeitsergebnissen der Teilnehmer beeindruckt. Seitdem möchten wir auf diese Lehrgangsform nicht mehr verzichten. Wir sehen in den E-Learninglehrgängen in erster Linie einen didaktischen Gewinn. Strukturelle Vorteile, wie z.B. die reduzierten Lehrgangstage für die Teilnehmer vor Ort, stehen für uns an zweiter Stelle.
VDTT: Welche Veränderungen gibt es im zweiten Jahr?
Markus Soehngen: Im zweiten Jahr wurde der zeitmarkenbasierte Videoplayer grundlegend überarbeitet. Die Videos, mit denen gearbeitet wird können jetzt punktgenauer gestoppt werden, um einen entsprechenden Textkommentar zu formulieren. Außerdem kann der Textkommentar jetzt zusätzlich durch Zeichnungen im Standbild ergänzt werden. Text und Zeichnung sind dann im Standbild gleichzeitig sichtbar. Für die Referenten im Lehrgang ist ein sogenanntes Cockpit neu hinzugekommen, in dem sie über diverse Filterfunktionen direkt erkennen können, welche Teilnehmer ihre Arbeitsaufträge noch erledigen müssen. Aus diesem Cockpit heraus können die Referenten schnell auf die einzelnen Beiträge der Teilnehmer zugreifen und diese kommentieren.
VDTT: Gibt es während der virtuellen Ausbildung einen Bedarf an technischem Support?
Markus Soehngen: Zur Zeit sind die Teilnehmer, wie auch wir als Durchführer, während der virtuellen Phasen auf technischen Support angewiesen. Es muss immer damit gerechnet werden, dass der ein oder andere Teilnehmer technische Problem hat. Darauf reagieren dann entweder unsere Referenten oder die Mitarbeiter der Firma Ghostthinker, die die Lernumgebung für uns entwickelt hat.
VDTT: Unterscheiden sich die Teilnehmer an virtuellen Ausbildungen von dem Profil des „normalen" Traineranwärters?
Markus Soehngen: Dies ist eine gute Frage, die sich erst in den kommenden Jahren eindeutig beantworten lässt. Die überdurchschnittlich guten Ergebnisse unseres Lehrganges aus dem letzten Jahr lassen zur Zeit zwei Interpretationsrichtungen zu. Zum einen kann es sein, dass die Lernziele aufgrund der neuen Didaktik (kommentierbare Videos) besser umgesetzt werden. Zum anderen kann man auch damit rechnen, dass ein E-Learningangebot eine eingegrenzte Zielgruppe anspricht und damit eine ungewollte Selektion vorgenommen wird. Sicher ist, dass alle Teilnehmer mehr oder weniger erfahrene Nutzer des Internets sind.
VDTT: Nehmen auch ältere Kandidaten das Angebot in Anspruch?
Markus Soehngen: Bei unserem Lehrgang im letzten Jahr war der älteste Teilnehmer 56 Jahre alt. Bei unserem Lehrgang in diesem Juni wird der Älteste 51 Jahre alt sein. Man kann also in diesem Fall nicht wirklich von Älteren sprechen. Fakt ist, dass sich gerade die Teilnehmer unter 30 den Besuch eines E-Learninglehrganges viel besser vorstellen können als die Älteren.
VDTT: Verändert sich durch den virtuellen Teil die Qualität der Ausbildung?
Markus Soehngen: Aus meiner Sicht wird die Qualität der Ausbildung durch die E-Learninglehrgänge besser. Die Gründe dafür habe ich bereits genannt. Trotzdem darf die Schlussfolgerung nicht sein, dass man in Zukunft ausschließlich E-Learninglehrgänge anbietet. Wir werden auf lange Sicht auch weiterhin die Möglichkeit anbieten, die Trainerausbildung auch ausschließlich über Präsenzlehrgänge zu absolvieren. So haben unsere Teilnehmer die Wahlfreiheit. Eine neue Qualitätsdimension stellt für mich die gemeinsame Nutzung der Lernplattform mit dem WTTV unter dem Dach des DTTB dar. Hierdurch entsteht zwangsläufig ein direkter Austausch mit den Kollegen in den anderen Verbänden. Man entwickelt zusammen Lehrmaterialen und greift sich gegenseitig unter die Arme, ohne dass man dabei die Lehrgangsinhalte gleichschalten muss.
VDTT: Welche Inhalte können virtuell gelehrt und gelernt werden?
Markus Soehngen: Grundsätzlich kann man in den virtuellen Phasen über den Videoplayer alle bewegungsanalytischen Aspekte der Trainerausbildung sehr gut vermitteln. Wir setzen aber auch ein Onlinewerkzeug ein, mit dem die Teilnehmer sporttheoretisches Wissen sehr gut aufbereiten können.
VDTT: Markus, wir danken Dir für die ausführlichen Infos zur virtuellen Ausbildung.
Die Interviews führte VDTT-Redaktionsmitglied Joachim Voigt per e-Mail.
Ausbildungstermin WTTV:
Virtuelle Vorbereitungsphase:
15. bis 19.Juni 2009
Präsenzphase:
19. bis 21 Juni 2009 (Tischtennis-Zentrum Düsseldorf)
Virtuelle Nachbereitungsphase
22. bis 26. Juni 2009
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